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partie centrale qui "pousse"

Dissertationen Dr. Lucia M. Lanfranconi 

 

Titel: Geschlechtergleichstellung durch Wirtschaftsnutzendiskurs?

Eine qualitative Untersuchung (un-)gleichheitsgenerierender Mechanismen in der Umsetzung des Schweizerischen Gleichstellungsgesetzes aus diskursiver und geschlechtersensibler Perspektive

                                                           

Zusammenfassung: Das Schweizerische Gleichstellungsgesetz (GlG) ist seit 1996 in Kraft und zielt darauf ab, Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern im Erwerbsleben zu reduzieren. Dennoch bleiben geschlechtsspezifische Ungleichheiten im Erwerbsleben in der Schweiz bestehen. Die vorliegende Studie umfasst fünf wissenschaftliche Beiträge, die zum Verständnis dieser Diskrepanz beitragen. Die Studie wird auf der Grundlage der Genderregime-Perspektive sowie der Perspektive der wissenssoziologischen Diskursanalyse erarbeitet. Diese beiden Perspektiven erlauben es, die in Gesetzen oder Reglementen sowie routinierten Handlungen von Institutionen eingelagerten Deutungen (sogenannte Diskurse) zu untersuchen. Ebenfalls ermöglichen diese Perspektiven einen Fokus auf die AkteurInnen, die diese Diskurse hervorbringen oder umdeuten, sowie die damit verbundenen Folgen, insbesondere in Bezug auf soziale Ungleichheiten. In der Studie werden einerseits (sich wandelnde) Diskurse auf den unterschiedlichen involvierten Ebenen (Gleichstellungspolitik, -programm, Unternehmen) nachgezeichnet und andererseits deren Chancen und Risiken für die betriebliche Gleichstellung aufgezeigt. Die Befunde basieren auf einer qualitativen Studie auf drei Ebenen: erstens der Umsetzung des GlG auf der schweizerischen Bundesebene (1996 bis 2011), zweitens der Umsetzung in einem kantonalen Gleichstellungsprogramm für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie drittens der Umsetzung in einem an diesem Programm teilnehmenden Unternehmen.
Die Studie zeigt, dass bei der Umsetzung des GlG in Projekte etwa seit der Jahrtausendwende verstärkt mit dem wirtschaftlichen Nutzen betrieblicher Gleichstellungsmassnahmen argumentiert wird. Gleichstellungspolitische AkteurInnen gehen dabei diskursive Allianzen mit wirtschaftspolitischen AkteurInnen und VertreterInnen der Arbeitgebenden ein und passen Gleichstellungsprojekte den Interessen der Arbeitgebenden an. In aktuellen Gleichstellungsprogrammen werden KMU oft nicht adressiert. Wenn sich Programme an KMU richten, wird dieser Wirtschaftsnutzendiskurs jedoch verstärkt hervorgebracht. Mögliche Folge dieses Diskurses ist, dass Unternehmen erreicht werden, die dank dem Diskurs betriebliche Gleichstellungsmassnahmen einführen. Gleichzeitig bestehen aber verschiedene Risiken: Der Diskurs kann Unternehmen legitimieren, nicht an Projekten teilzunehmen oder aber bei einer Projektteilnahme Massnahmen zu implementieren, die nicht auf eine Veränderung von Geschlechterungleichheiten abzielen. Darüber hinaus birgt der Wirtschaftsnutzendiskurs das Risiko, dass er in Interaktion mit in Betrieben vorherrschenden Vorstellungen zu einer Verfestigung bestehender Ungleichheiten führt – etwa zwischen besser und niedriger Qualifizierten, aber insbesondere auch zwischen Frauen und Männern.
Diese Befunde sind relevant, weil der Grossteil der Erwerbspersonen in der Schweiz in KMU arbeitet und daher nicht von Gleichstellungsprojekten adressiert wird oder den skizzierten Risiken des Wirtschaftsnutzendiskurses verstärkt ausgesetzt ist. Die Befunde verweisen insgesamt auf eine beschränkte Reichweite und Wirksamkeit der aktuellen schweizerischen Gleichstellungspolitik. Sie tragen zum Verständnis bei, warum in der Schweiz – trotz den bestehenden Gleichstellungsnormen und -projekten – geschlechtsspezifische Ungleichheiten fortbestehen. Die Studie leistet einen Beitrag zur Verbindung der Analyse der makrosozialen Ebene der Gleichstellungspolitik und der Umsetzungsebene in Programmen und Unternehmen. Sie trägt damit sowohl zur geschlechtersensiblen Wohlfahrtsregimeforschung über das Politikfeld der Gleichstellungspolitik als auch zur Organisationsforschung aus einer geschlechtersensiblen Perspektive bei und bietet eine empirisch fundierte Grundlage für die (Weiter-)Entwicklung von Gleichstellungspolitiken.

 

 

                                               

Förderung: ProDoc des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) der Universitäten Bern/Fribourg: „Gender: Prescripts and Transcripts“ (PDAMP1_127019); Forschungsmodul: „Genderregimes: institutionalisierte Ungleichheiten?“ (PDFMP1_127306)

Kooperation: Interdiziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung (IZFG) Bern

                      Institut für Soziologie, Fernuniversität Hagen

Laufzeit:                             11.2009 bis 05.2014

 

 

                                               

Gutachterin:                        Prof. Dr. Monica Budowski   und Prof. Dr. Sylvia Marlene Wilz

 

 

 

Kontakt:                                 Dr. Lucia M. Lanfranconi

                                                lucia.lanfranconi(at)gmail.com

 

 

Links zu weiteren

Webseiten:                           
http://www.linkedin.com/pub/lucia-m-lanfranconi/83/459/9a3

 

 

 

 

Publikationen:                     

Lanfranconi, Lucia M. und Isabel Valarino (2014). Gender Equality and Parental Leave Policies in Switzerland. A Feminist and Discursive Perspective. Critical Social Policy, 34 (4). Link...

Lanfranconi, Lucia M. (2014a). Wirtschaftsnutzen statt Gleichstellungsnormen. Chancen und Risiken des dominierenden Diskurses in der schweizerischen Geschlechtergleichstellungspolitik im Erwerbsleben. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 40(2), 325-348. Link...

Lanfranconi, Lucia M. (2014b). Gleichheit durch individuelle Lösungen? Betriebliche Folgen des Wirtschaftsnutzendiskurses in der aktuellen schweizerischen Gleichstellungspolitik. GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 6(1), 93-110. Link...

Budowski, Monica, Susanne Bachmann, Lucia M. Lanfranconi und Anne Kersten (2012). Panel: Kampf um Geschlechtergerechtigkeit bei der Entstehung und Umsetzung von Recht in der Schweiz. In: Estermann, Josef (Hg.). Der Kampf ums Recht. Akteure und Interessen im Blick der interdisziplinären Rechtsforschung (168-172). Beckenried: Orlux.

Lanfranconi, Lucia M. (2012a). Kampf um Gleichstellung? Umsetzung des Schweizerischen Gleichstellungsgesetzes (GlG) von 1996 bis 2011. In: Estermann, Josef (Hg.). Der Kampf ums Recht. Akteure und Interessen im Blick der interdisziplinären Rechtsforschung (190-208). Beckenried: Orlux.

Lanfranconi, Lucia M. (2012b). "Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) können und müssen kaum Gleichstellungsmaßnahmen durchführen“ – Aussagen und Projekte im Umsetzungsprozess des Schweizer Gleichstellungsgesetzes (GlG) und deren Folgen. FEMINA POLITICA. Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, 21(2). Link...

Kersten, Anne und Lanfranconi, Lucia M. (2011) Rückblick zur Tagung: "Genderregimes: von makrosozialen regulativen Strukturen zur meso- und mikrosozialen (Umsetzungs-) Praxis". Newsletter Lehrstuhl Soziologie, Sozialpolitik und Sozialarbeit (09/2011).