Prof. Dr. Helen Christen
Av. de l'Europe 20
CH - 1700 Fribourg
31. Mai – 1. Juni 2010, Freiburg/Fribourg
Internationale Tagung veranstaltet von der
Germanistischen Linguistik der Universität
Freiburg / Fribourg
Organisation: Helen Christen, Manuela Guntern,
Nadia Montefiori, Marina Petkova,
Mirjeta Reçi, Christiane Stieger
Die Entwicklungen in der heutigen, ‚globalisierten’ Welt bringen einschneidende Veränderungen mit sich. Internetkommunikation, Massenmedien, Migration sind Schlagworte, die für ganze Komplexe verschiedenartiger Umwälzungen stehen, welche zur Entstehung neuer Lebensstile, Weltvorstellungen, Denkmuster führen. Menschen, Waren und Informationen wandern in bisher ungekannter Zahl durch die Welt. Und damit kommen auch Sprachen (Codes, Varietäten) vermehrt in Kontakt miteinander, beeinflussen einander oder entwickeln gar neue, bisher unbeobachtete Muster. Menschen, die in ein fremdes Land (oder auch nur in eine fremde Region) einwandern, verändern nicht nur ihre Lebensgewohnheiten, auch sprachlich müssen sie sich anpassen, sei es durch das Erlernen neuer Sprachen, sei es dadurch, dass sie ihr sprachliches Repertoire anders einsetzen. Und die nächste Generation entwickelt häufig gar ein neues ethnisches Selbstverständnis, bei dem es nicht ungewöhnlich ist, verschiedene Identitäten und verschiedene Codes miteinander – zu einem MIX – zu vereinen.
Varietätenvielfalt gehört aber auch innerhalb der gleichen Sprachgemeinschaft zum Alltag. Dialekt und Standardsprache in der Schweiz, Dialekt, Standardsprache und etliche Ausprägungen ‚dazwischen’ in Deutschland und Österreich beeinflussen sich gegenseitig. Die heutige Medienwelt, allen voran das Fernsehen, aber auch das Internet, ermöglichen nicht nur den Kontakt mit den unterschiedlichsten regionalen Ausprägungen, sondern machen das Publikum durch eine Reihe neuer Formate mit unterschiedlichen Sprachregistern vertraut. Es werden sogar neue Ethnolekte kreiert, die eine eigene Kunstform bilden wie das ,gebrochene Deutsch’ der Deutschtürken „Erkan und Stefan“ in Parallele z. B. zum Pseudo-Kreol eines „Ali-G“ im englischsprachigen Raum. Und nicht zuletzt bietet das Internet als weltumspannendes, offenes Medium Menschen in allen Ecken des Planeten die Möglichkeit, sich in jeder beliebigen Sprache auszutauschen. Man darf annehmen, dass auch bei solchen Begegnungen Varietäten spielerisch verändert, umgewandelt, zu einem MIX verschmolzen werden.
Am 31. Mai – 1. Juni 2010 veranstaltet die Germanistische Linguistik der Universität Freiburg/Fribourg eine internationale Tagung mit dem Titel „MIX- Varietäten in Kontakt“. Die Tagung beschäftigt sich mit MIX, wie man Sprachkontaktphänomene, die als Folge globaler Entwicklungen in verschiedenen Lebensbereichen zu beobachten sind, etwas salopp nennen könnte. So wird an der Tagung z. B. der Spracherwerb thematisiert, wie er in Gemeinschaften mit einer Minderheitensprache oder mit einem Migrationshintergrund verläuft und häufig die Züge verschiedener Varietäten trägt. Auch die sprachliche Inszenierung von doppelter Identität durch Migrantenjugendliche ist Tagungsgegenstand. Eine Reihe von Vorträgen wird sich der sprachinternen Variation widmen, insbesondere dem gegenseitigen Aufeinanderwirken von Dialekt und Standardsprache. Ebenso werden die subtilen Fluktuationen innerhalb der Standardsprache in den Blick genommen, die durch den Kontakt mit Fremdsprachigen ausgelöst werden können. Thematisiert werden weiter die kurz- oder langfristigen Veränderungen der eigenen Varietät, die aus einem Wohnortswechsel auch innerhalb des gleichen Sprachraums resultieren und sogar zu einem ‚Dialekt-MIX’ führen können. Das sich unter unterschiedlichen soziopolitischen Gegebenheiten veränderte und verändernde Verhältnis der Varietäten in einer Triglossie, wie sie uns in Luxemburg entgegentritt, bildet einen weiteren thematischen Schwerpunkt.
Die verschiedenen Formen von ‚Varietäten-MIX’, die in ganz unterschiedlichen Konstellationen beobachtet werden können, lassen die grundsätzlichen Fragen nach dem Zusammenhang von Sprache und Identität stellen. Und nicht zuletzt verspricht die Tagung, methodologische und terminologische Probleme anzusprechen und einer Lösung zuzuführen. Dies garantieren die international renommierten Forscherinnen und Forscher, welche der Einladung nach Freiburg gefolgt sind und über laufende Projekte berichten oder ihre aktuellsten Forschungsergebnisse präsentieren werden.