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partie centrale qui "pousse"

Gesprochene Standardsprache im Deutschschweizer Alltag

01.10.2005-01.02.2008, unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds
im Rahmen des NFP 56 „Sprachenvielfalt – Sprachkompetenz“

 

 

 

Mitarbeiterinnen

Prof. Dr. Helen Christen (in Zusammenarbeit mit Dr. Ingrid Hove, Luzia Maissen, Manuela Guntern, Marina Petkova), Universität Freiburg/CH

 

Kurzbeschrieb

„Nicht Fisch und nicht Vogel“ – so wird die gesprochene Standardsprache in einem Vademecum für Schweizer MikrophonbenützerInnen aus den 1970er Jahren charakterisiert. Die deutsche Standardsprache in der Schweiz steht nicht nur im Ruf, dass die Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer sie nicht „gut“ sprechen würden, sondern auch, dass sie selten und höchst un­gern gesprochen werde. Die geplante Studie soll der durch Vorurteile und Nicht-Wissen gepräg­ten Diskussion über die gesprochene Standardsprache in der Deutschschweiz eine empirische Untersuchung entgegensetzen, die einerseits aufzeigen soll, welchen Stellenwert gesprochenes „Schriftdeutsch“ im Berufsalltag einer Dienstleistungsinstitution hat, unter welchen Umständen die dort arbeitenden Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer vom Dialekt in die Standard­sprache wechseln und wie sie jene „andere“ Sprachform realisieren.

Die Datengrundlage für die geplante Untersuchung bilden Aufzeichnungen des Polizeinotrufs, die insofern ein ideales Korpus für ein linguistisches Vorhaben konstituieren, als in den Zentralen der kantonalen und kommunalen Polizeikorps alle eingehenden Gespräche automatisch und lüc­kenlos aufgezeichnet werden. Überdies garantieren die Daten eine optimale Vergleichbarkeit: Die Polizeibeamtinnen und –beamten, die ihren Dienst am Notruftelefon leisten, gehören alle der „gleichen“ sozioprofessionellen Gruppe an und bewältigen alle die „gleiche“ Situation, in der die rasche und effiziente Verständigung mit den Anrufenden im Mittelpunkt steht.

Das Forschungsvorhaben ist als Teil einer trinationalen Untersuchung mit Schwesterprojekten in Marburg (D) und Wien (A) angelegt, wobei in Deutschland und Österreich das Interesse vor al­lem der regional geprägten Umgangssprache, den Formen zwischen Basisdialekt und Standard­sprache, gilt. Die Daten aus der Schweiz sollen dagegen – vor dem Hintergrund einer Sprachsi­tuation unterschiedlicher Prägung - Antworten geben auf die Frage, welche Bedeutung der Stan­dardsprache überhaupt zukommt, unter welchen Umständen die Polizisten und Polizistinnen in die Standardsprache wechseln und wie die Standardsprache realisiert wird. Mit der Untersuchung sollte gezeigt werden können, wie der individuelle und kollektive Realisierungsspielraum der gesprochenen Standardsprache ausgestaltet ist, wie sich die authentischen Realisierungen zu den Vorschlägen in den präskriptiven Leitfäden verhalten und schliesslich, ob es in den Telefonge­sprächen überhaupt zu Kommunikationskonflikten kommt, die mit der Wahl der Sprachform zu­sammenhängen.

Anders als in den meisten der bisherigen deskriptiven Untersuchungen zur gesprochenen Stan­dardsprache werden in der geplanten Studie authentische, nicht eigens für Forschungszwecke provozierte Sprachdaten untersucht. Die Daten stammen zudem nicht von professionellen oder zumindest routinierten StandardsprachesprecherInnen wie Medienschaffenden, Lehrpersonen oder Studierenden, sondern von SprecherInnen, die sich in ihrem Berufsalltag mit anderen Men­schen verständigen müssen, sei es im Dialekt, in der Standardsprache oder auch in anderen Spra­chen. Erstmalig wird die deutsche Standardsprache in ihrem schweizerischen Alltagsgesicht ins Zentrum einer linguistischen Untersuchung gerückt.

 

Publikationen

 

Monographien:

 

Christen, Helen / Guntern, Manuela / Hove, Ingrid / Petkova, Marina (2010): Hochdeutsch in aller Munde. Eine empirische Untersuchung zur gesprochenen Standardsprache in der Deutschschweiz (=Beihefte zur Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 140). Stuttgart: Steiner Verlag.

 

Aufsätze:

 

Christen, Helen/Hove, Ingrid/Petkova, Marina (2015): Gesprochene Sprache im Deutschschweizer Alltag. In: Kehrein, Roland/Lameli, Alfred/Rabanus, Stefan (Hg.): Areale Variation des Deutschen – Projekte und Perspektiven. Berlin/ New York, 379-396.

 

Hove, Ingrid (2010): Silbensprachliches in der schweizerischen Standardsprache. In: Christen, Helen et al. (Hg.): Alemannische Dialektologie: Wege in die Zukunft. Beiträge zur 16. Arbeitstagung für alemannische Dialektologie (=Beihefte zur Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 141). Stuttgart, 31-42. 

 

Petkova, Marina (2010): Dialekt und Standardsprache in der Deutschschweiz: eine Freundschaftsbeziehung? In: Christen, Helen et al. (Hg.): Alemannische Dialektologie: Wege in die Zukunft. Beiträge zur 16. Arbeitstagung für alemannische Dialektologie (=Beihefte zur Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 141). Stuttgart, 265-277.

 

Christen, Helen (2009): Sprachliche Vielfalt im Alltag – neue Zugänge. In: Keller-Drescher, Lioba / Tschofen, Bernard (Hg.): Dialekt und regionale Kulturforschung. Traditionen und Perspektiven einer Alltagssprachforschung in Südwestdeutschland. Tübingen, 125-150.  

 

Guntern, Manuela (2009b): Hochdeutsch, Dialekt und die Qual der Wahl in der deutschsprachigen Schweiz. Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt "Gesprochene Standardsprache im Deutschschweizer Alltag". In: Helin, Irmeli (Hg.): Linguistik und Übersetzung in Kouvola. Vorträge der 17. Jahrestagung der Gesellschaft für Sprache und Sprachen (=Beiträge zu Sprache und Sprachen 7). Helsinki, 343-355.  

 

Guntern, Manuela (2009a): Gesprochenes Schweizerhochdeutsch: Die Sprachsituation in der deutschsprachigen Schweiz. In: Ender, Andrea / Matter, Marc / Tissot, Fabienne (Hg.): Proceedings der 39. Studentischen Tagung Sprachwissenschaft (StuTS) in Bern. Bern, 59-81.

 

Hove, Ingrid (2008): Gesprochene Standardsprache im Deutschschweizer Alltag. In: Christen, Helen / Ziegler, Evelyn (Hg.): Sprechen, Schreiben, Hören. Wien, 83-100.

 

Hove, Ingrid (2008): Zur Unterscheidung des Schweizerdeutschen und der (schweizerischen) Standardsprache. In: Christen, Helen / Ziegler, Evelyn (Hg.): Sprechen, Schreiben, Hören. Wien, 63-81. 

 

Christen, Helen (2007): „Gesprochene Standardsprache im Deutschschweizer Alltag“: Ein Projekt (auch) zur Sprachkompetenz in einem diglossischen Umfeld. In: Germanistik in der Schweiz 4. (http://www.germanistik.unibe.ch/SAGG-Zeitschrift/4_07/christen.pdf).