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Deutschsprachige Gebetbuchliteratur des Mittelalters

Untersuchungen zu ihrer Überlieferung, Form und Funktion

 

Das Projekt wird zum ersten Mal eine grundlegende Untersuchung der mit Abstand am häufigsten überlieferten literarischen Texte des Mittelalters in deutscher Sprache unternehmen – geistlicher Kurztexte, welche dem Gebet und der Andacht dienen.

Im Literatursystem des Spätmittelalters spielt die geistliche Literatur nicht nur aufgrund ihrer Quantität eine dominierende Rolle, sie nimmt im deutschsprachigen Raum "für die Selbstdefinition des Laien den Platz ein, den etwa um 1200 Minnesang und Artusroman, im 13. und 14. Jh. vielleicht Spruchdichtung und didaktische Reimpaarreden in Anspruch nehmen" (Grubmüller). Trotzdem ist die geistliche Literatur besonders schlecht erschlossen. In den letzten Jahren sind zwar wichtige Einzeluntersuchungen auf dem Gebiet entstanden, allerdings fehlt ihnen das Fundament, auf dem eine Geschichte der geistlichen Literatur des Mittelalters würde aufbauen können. Das ist vor allem deshalb von zentraler Bedeutung, weil es gerade diese überaus breit überlieferten Texte sind, die nicht nur das Verständnis von Literatur geprägt haben, sondern auch das Verständnis der Welt und der Position und Rolle des Einzelnen in ihr. Da Bildung im Mittelalter zunächst einmal stets geistliche Bildung ist und für jeden von geistlichen Grundtexten (z.B. Psalter, Katechismus) ausgeht, lassen diese geistlichen Texte und ihre spezifische literarische Form zentrale Aspekte mittelalterlicher Denkweisen und Wissensordnungen überhaupt erst verstehbar werden.

Das vorliegende Projekt will einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis der literarischen Funktionen solcher Texte leisten. In einem zentralen Teilbereich der geistlichen Literatur, dem der deutschsprachigen Gebetbuchliteratur, sollen verschiedene Einzeluntersuchungen und eine grosse Überblicksdarstellung entstehen. Die einschlägigen Textbestände sollen dabei sowohl in ihren historischen als auch in ihren systematischen Dimensionen erfasst und der Forschung zugänglich gemacht werden. Die systematische Bearbeitung dieses noch fast vollständig unerschlossenen Gebietes wird in vielen Bereichen einen neuen Blick auf die deutschsprachige Literatur des Mittelalters ermöglichen und damit in der Literaturgeschichtsschreibung neue Akzente setzen können.

 

(SNF-Projektförderung in Geistes- und Sozialwissenschaften, Laufzeit 2017–2021; zwei Doktorandenstellen, zwei Unterassistenten-Stellen, Datenbankprogrammierung und -unterhalt durch text&bytes)

Eintrag in P3 Forschungsdatenbank des SNF

 

 

Literatur und Gebet

Mittelhochdeutsche Tagzeitentexte im Spannungsfeld von Liturgie, privater Andacht und Kunstanspruch

 

Das lateinische Stundengebet des regulierten Klerus, dessen Texte ab dem hohen Mittelalter im Brevier versammelt wurden, breitete sich schon im 14. Jahrhundert in paraliturgischen Formen in weitere Kreise aus und fand hauptsächlich im Stundenbuch seinen Niederschlag. An diese Tradition schliessen in einer noch nicht näher bekannten Weise die mittelhochdeutschen Tagzeitentexte an. Bei ihnen handelt es sich um Texte unterschiedlichen Umfangs in Vers und Prosa, die nach den Horen des Stundengebetes (Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet) in Strophen beziehungsweise Abschnitte gegliedert sind. Die einzelnen Horen werden dabei mit Stationen des Leidensweges Christi, des Mitleidens Mariae oder mit anderen Betrachtungsgegenständen in Beziehung gebracht.

 

Mein Frageinteresse konzentriert sich zum einen auf eine Zusammenstellung und literaturwissenschaftliche Typologisierung der überlieferten Tagzeitentexte. Interessant scheinen mir die Tagzeitentexte darüber hinaus aber auch deshalb, weil sich an sie Fragen nach ihrem Sitz im Leben, ihrer Stellung in und zu der Liturgie, nach ihrem Verhältnis zum Stundenbuch sowie nach ihrer Bedeutung für spezifische Gruppen wie religiöse Laien, Novizen und Nonnen stellen lassen. Auf diese Weise ergibt sich die Möglichkeit, von einer sehr breit überlieferten Textsorte her in exemplarischer Weise zentrale Aspekte der spätmittelalterlichen Frömmigkeitspraxis zu erschliessen und zu untersuchen. In den Blick geraten dabei vor allem verschiedene Formen der textgestützten, privaten Andacht während oder neben der Liturgie.

 

Es lassen sich damit beim derzeitigen Stand der Forschung drei Ziele der Arbeit formulieren: Einerseits soll auf eine genauere Kenntnis der deutschsprachigen Andachtsliteratur aus der noch kaum überblickbaren Masse von Andachts- und Gebetbüchern selbst hingearbeitet werden, indem eine klar abgrenzbare Gruppe von einschlägigen Texten systematisiert und der weiteren Forschung zugänglich gemacht wird. Andererseits geht es um eine literaturgeschichtliche Einordnung der zu diesem Zweck exemplarisch untersuchten Tagzeitentexte in Vers und Prosa. Eine dritte Zielsetzung greift über die literaturwissenschaftlichen Fachgrenzen hinaus und will in interdisziplinärer Weise – unter Heranziehung von Erkenntnissen namentlich der Geschichts- und Liturgiewissenschaft, aber auch weiterer theologischer Disziplinen und der Kunstgeschichte – mögliche Gebrauchszusammenhänge für Tagzeitentexte und verwandte Texte erschliessen.

 

(SNF-Projekt für fortgeschrittene Forschende Nr. 139597, Oxford und Tübingen, Februar 2012–März 2014; Verlängerung in Bern, August 2014–September 2015; aus dem Stipendium resultierten zahlreiche Aufsätze, eine Tagung und eine im Rohmanuskript abgeschlossene Buchpublikation)

 

 

Reden von der Minne

Untersuchungen zu Spielformen literarischer Bildung zwischen verbaler und visueller Vergegenwärtigung anhand von Minnereden und Minnebildern des deutschsprachigen Spätmittelalters

 

Die Arbeit geht von der zunächst ganz allgemein formulierten Frage aus, wie im deutschsprachigen Spätmittelalter von der Liebe erzählt und also auch gesprochen worden ist – primär in Texten, aber auch im Anschluss an diese und in Auseinandersetzung mit ihnen. Sie unternimmt in einem ersten Teil den Versuch, aus der handschriftlichen Überlieferung heraus eine historische Poetik der Minnerede zu entwickeln, und stellt den Ergebnissen kontrastiv sowie vergleichend in einem zweiten Teil Minnebilder des deutschsprachigen Spätmittelalters gegenüber. Eine stoffliche Brücke zwischen den beiden Teilen bilden die Texte in und auf Minnebildern, wie sie häufig mit Hilfe von Spruchbändern den Figuren in den Mund gelegt werden. Im Zentrum steht dabei die Verwendung von konventionellen textlichen und ikonographischen Versatzstücken sowie die Beschreibung der medienspezifischen Formen der Kohärenz oder Kohäsion zwischen ihnen. Ein Vollständigkeit anstrebendes Corpus von deutschsprachigen Texten in spätmittelalterlichen Minnebildern und einige neu edierte Minnereden werden den Untersuchungen beigegeben.

 

(Habilitationsschrift, erschienen als: Reden von der Minne. Untersuchungen zu Spielformen literarischer Bildung zwischen verbaler und visueller Vergegenwärtigung anhand von Minnereden und Minnebildern des deutschsprachigen Spätmittelalters [Bibliotheca Germanica 59], Tübingen/Basel 2013.)